Stimmfach und Stimme (Teil 2)

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Sänger vom Fach,…aber welches?

Die Frage nach dem Stimmfach kommt zu jeder Phase der Gesangsausbildung immer wieder auf . Sie ist von eminenter Bedeutung nicht nur für die Auswahl des Repertoires, sondern viel mehr noch für die Gesundheit und damit die Langlebigkeit der Karriere des Sängers. Fehlerhafte Einordnung auf diesem Feld kann verheerende Folgen haben. Viel ist über dieses Thema schon geschrieben worden. In meinem ersten Beitrag habe ich bereits meine Sichtweise auf die Anwendung von Stimmfächern und deren Nutzen erläutert. An dieser Stelle will ich der Frage nachgehen, welche Ursachen eine falsche oder zumindest ungünstige Bestimmung des Stimmfaches von Gesangsschülern – wir schließen die Schülerinnen selbstverständlich mit ein- haben kann und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind.
Ein Bild hat sich mir in diesem Zusammenhang besonders ins Gedächtnis eingebrannt: Zu Gast in einer Musikschule, beobachtete ich den Unterricht einer jungen Frau, die beim Singen die Angewohnheit hatte, das Kinn tief in den Hals zu legen und dabei den Kehlkopf nach unten zu drücken. Ihre an sich schöne Stimme klang dadurch kehlig und unnatürlich. Später erfuhr ich den Grund: Ihr vormaliger Lehrer hatte sie für einen Alt gehalten und offenbar dessen Tiefe durch eben diese Maßnahmen zu erzwingen versucht. Nicht nur, dass ihr Gesang (und auch ihre äußerliche Präsenz) hiervon beeinträchtigt wurde, auch ihre Stimme hätte irreparable Schäden davongetragen, hätte sie sich nicht rechtzeitig einen neuen Lehrer genommen, der ihre Stimme treffenderweise als Mezzosopran klassifizierte und entsprechend weiter ausbildete.

Stimmfach als Selbstzweck und die Folgen

Dies ist sicher ein besonders extremes Beispiel für eine fehlerhafte Kategorisierung der Stimme, die nicht nur das Stimmfach i. e. S., sondern gar die Stimmgattung verfehlt. Richtige Altistinnen gibt es nur noch wenige. Eine wahre weibliche Altstimme mit ihrem charakteristisch dunklen, vollen Klang wie etwa die von Nathalie Stutzmann ist etwas Seltenes und darum Besonderes. Sie muss darum auch von dem helleren Timbre eines Mezzos klar unterschieden werden. Allein dieser Sachverhalt hätte den früheren Lehrer dieser Frau dazu anhalten müssen, sein Urteil genauer zu prüfen. Abgesehen davon, dass es um die Kompetenz eines Lehrers auch nicht zum Besten bestellt sein kann, wenn er einer Schülerin falsche, zwanghafte Pseudotechniken beibringt und noch nicht einmal am Gesang selbst hören kann, ob ein Ton gesund und klanglisch schön gesungen wird, stellt sich die Frage, warum überhaupt ein Lehrer so unbedingt einen speziellen Stimmtypus im Lernenden erkennen will, dass er sogar bereit ist, die Stimme notfalls dahin zu zwingen, wo er sie gern sieht.
Dabei mögen persönliche Präferenzen eine große Rolle spielen, sicher aber auch falsche Vorstellungen davon, wie eine Stimme idealerweise zu klingen hat. Wenn ein Mezzo eine gute, sonore Tiefe hat, mag er klingen wie ein Alt – insbesondere zu Beginn der Ausbildung, wenn die Tiefe (wie auch die Höhe) noch gar nicht entwickelt ist und ein noch unvollkommener Stimmsitz die Stimme dunkler klingen lässt, als sie eigentlich ist.
Ein nach meiner Erfahrung besonders häufiger Fall von fehlerhafter Stimmkategorisierung findet man bei vermeintlichen Tenören, die, weil sie ein gutes gis, vielleicht sogar ein a oder noch ein b haben, in diese Stimmgattung hineingepresst werden, obwohl es sich eigentlich um Baritone mit guter Höhe handelt. Die Gründe mögen vielfältig sein: Ein Sänger erhofft sich von einer Laufbahn als Tenor (gelegentlich auch als „Fachwechsel“ verklärt (1) bessere Chancen auf dem (als solchen nicht mehr zu bezeichnenden) Arbeits-„markt“ für Sänger, der andere ist womöglich an einen ähnlich schlechten Lehrer geraten wie jene Frau. In Laienchören mag es noch durchgehen, wenn der Chorleiter ein paar Baritone die Tenorstimme singen (oft genug leider nur fisteln) lässt, um den chronischen Personalmangel in dieser Stimme zu kompensieren. Doch auf professionellem Niveau – insbesondere bei den heutigen Anforderungen des Musikbetriebs – wird dies immer verheerende Folgen für den betreffenden Sänger haben. Der Grund dafür liegt in der Anatomie: Im Gegensatz zum Tenor kann der Bariton seine Stimmasse oberhalb des zweiten Passagios (für den Bariton um d, für den Tenor i. d. R. um f, wobei beide aber auch zusammenfallen können) nicht so weit zurücknehmen, dass er seine Stimme mit der gleichen Leichtigkeit und Klangfülle in die Quarte von g bis c führen könnte (es sei denn natürlich, er schaltet auf das Falsett um). Versucht er es trotzdem, funktioniert es nicht ohne übermäßigen Atemdruck und Anspannung des Cricothyreoidmuskels. Man stelle sich die tiefste Saite einer Gitarre vor, die an der Stelle der höchsten Saite aufgezogen würde und nun deren Tonumfang abbilden sollte. Die Saite müsste bis aufs Äußerste gespannt werden und drohte zu reißen.
Wer also bspw. einen „Fachwechsel“ vom Bariton zum Heldentenor wie eine Heldentat feiert, macht sich nicht bewusst, dass ein Heldentenor viel dramatischer angelegt ist als etwa ein hoher Bariton (2), und der betreffende Sänger entweder jahrelang im falschen Fach gesungen hat oder nun erst beginnt, darin zu singen.
(1) Vgl. dazu den bereits in meinem ersten Beitrag zitierten Artikel von Miklós Klajn.
(2) Hierzu auch: Peter Ling, Stimme, Stimmfach, Fachvertrag, die Bedeutung der Opernstimmfächer am Beispiel der männlichen Stimmfächer, Augsburg 2008 (Forum Musikpädagogik 74), S. 109f.

Zu frühe Prognosen im Unterricht

In einer Phase, in welcher ein Sänger – aus welchen Gründen auch immer – über einen Fachwechsel nachdenkt, müsste eigentlich ein Gesangslehrer oder Coach auf den Plan treten und zur Vorsicht mahnen, was allzu oft unterbleibt. Warum, sei dahingestellt. Dagegen sind der Fantasie des Lehrers manchmal keine Grenzen gesetzt, wie ich aus eigener Anschauung weiß:
In meinen ersten Gesangsstunden wurde mir von meiner Lehrerin immer wieder gesagt, dass ich doch eine gute Tiefe hätte und mich vielleicht sogar zu einem richtigen Bass entwickeln könnte. Ich freute mich natürlich darüber – so sehr, dass ich, um diesem Ideal gerecht zu werden, begann, meine Stimme übermäßig abzudunkeln, was wiederum meine Lehrerin durch Vordersitzübungen zu korrigieren versuchte. Dass mein Problem vor allem aber in einer falschen Idealvorstellung von meiner Stimme bestand, erkannte sie womöglich nicht richtig. Wir hätten über Monate Übungen mit hellen Vokalen singen können – wir wären dem Problem nicht beigekommen, weil meine Haltung stets ambivalent geblieben wäre: Je erfolgreicher ich diese Übungen absolviert hätte, desto unzufriedener wäre ich mit meiner „eigentlichen“ Stimme gewesen, die doch bitteschön dunkel und sonor zu klingen hatte. Umgekehrt hätte ich keine Fortschritte gemacht, hätte ich mich den Einwirkungen meiner Lehrerin verschlossen.
Auch hierbei wäre mehr Zurückhaltung in der Prognose geboten gewesen. Ein Bass erfreut sich einer ganz speziellen Struktur tiefer Obertöne, die ihm erst seinen geerdeten, Väterlichkeit und Autorität beschwörenden Klang verleihen. Wie Franziska Martiennsen-Lohmann zurecht schreibt, ist eine solche Stimme schon früh als solche erkennbar (3), zumal ihr auch – logischerweise – die große Oktave viel leichter und schöner gelingt als den übrigen Männerstimmen, auch wenn der Stimmumfang bis zum tiefen c u. U. noch nicht ganz ausgebildet ist und erst erweitert werden muss. Richtige Bässe sind außerdem nicht so oft anzutreffen. Es gibt zwar auch Bassbaritone, die bis zum tiefen c singen können, deren Klangfarbe aber schon heller ist. Die Gefahr eines dauerhaften Stimmschadens bei dem Versuch, sich wie ein Bass anzuhören, indem man den Kiefer in den Hals presst, den Mund zum Fischmaul stülpt und dabei gleichsam wie in Verwunderung über sich selbst die Augen weit aufreißt, ist zwar nicht mit derjenigen zu vergleichen, die beim Singen in einem zu hohen Fach droht, doch kann sie langfristig die Verkümmerung der Stimme zur Folge haben. Wo vorher Geschmeidigkeit und Glanz die Stimme geziert haben, hört man dann nur noch einen substanzarmen und luftigen Klang. Besonders unschön wird der Klang vollends, wenn der Bass-Aspirant auf die Stimme zu drücken beginnt, um die ganz tiefen Töne noch zu erzwingen. Kein Mensch will so etwas hören.
Die Lehrerin, die ich mir später nahm, korrigierte meine Klangvorstellung glücklicherweise, doch es dauerte seine Zeit.
(3) Franziska Martiennsen-Lohmann, Der wissende Sänger, Gesangslexikon in Skizzen, Mainz, London u. a. 2010, S. 50ff.

Vorbilder

Aus eigener Erfahrung ist mir bewusst, dass für die Ausformung der eigenen Stimmidentität auch Vorbilder, die sich i. d. R. jede Sängerin und jeder Sänger nimmt, eine nicht unerhebliche Rolle spielen können. Vorbilder sind nicht nur wichtig für die eigene künstlerische Reifung, ohne sie ist es überhaupt nicht möglich, singen zu lernen. Woher sollte man sonst wissen, was technisch hervorragenden von mäßigem Gesang unterscheidet, inbrünstigen von teilnahmslosem und – vor allem – was Handwerk von Kunst unterscheidet.
Aber: Damit Vorbilder diese gedeihliche Wirkung auf kommende Sängergenerationen entfalten können, ist der Lehrer gehalten, diese Wirkung in die rechte Bahn zu lenken. Der Schüler neigt sonst dazu – gar nicht mal bewusst – sein Idol zu imitieren, weil er denkt, dass seine eigene Stimme nur schön klinge, wenn sie sich so anhört wie bei… Dass muss nicht mal schwärmerischer Verehrung geschuldet sein, sondern einem einfachen Fehlschluss: Hat ein Sänger oder eine Sängerin XY Erfolg, wird von Publikum und Feuilleton gleichermaßen geschätzt und singt stets vor ausverkauftem Haus, weil er oder sie wirklich eine wunderschöne Stimme hat und exzellent singt, so die Schlussfolgerung, dann muss man seinen bzw. ihren Gesang natürlich als Maßstab betrachten und sich daran orientieren.
Dagegen ist auch erst einmal nichts einzuwenden – ganz im Gegenteil. Problematisch wird es hingegen, wenn sich der Schüler nicht hinreichend vergegenwärtigt, dass sein Vorbild eine ganz individuelle Stimmqualität hat. Seine bzw. ihre Stimme ist vielleicht viel dramatischer bzw. lyrischer angelegt als die des Schülers, auch wenn beide in der gleichen Stimmgattung singen. Dementsprechend klingt sie in den hohen Lagen dunkler bzw. heller, die Übergänge liegen anders, das Vibrato ist schneller oder langsamer und weist bald eine größere oder kleinere Abweichung vom pitch auf. Versucht man, diese und noch mehr Charakteristika der fremden Stimme nachzuahmen, geschieht das letztlich immer, indem man die Stimme verfremdet, zu knödeln anfängt und auch zu näseln, und jeden Bezug zur eigenen Stimme verliert. Und dabei sprechen wir noch nicht einmal von der immer vorhandenen Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung der eigenen Stimme. Vielleicht hat der Sänger oder die Sängerin gelernt, dass nur derjenige gut singt, der vor allem besonders hoch und/oder besonders laut singen kann. Wenn er oder sie dann viel tiefer singt und vielleicht nicht ganz so laut, kann das entmutigend wirken.
Hier muss der Lehrer nur gelegentlich fragen, welche Interpreten seine Schüler gern hören. Daraus kann er schon sehr wichtige Schlüsse ziehen. Er kann mögliche Fehlerquellen finden, aber auch die musikalischen Präferenzen in Hinblick auf Stimmideal und Repertoire besser kennen lernen. Er sollte diese Erkenntnisse auf jeden Fall fruchtbar für den Unterricht machen. Besonders aber muss er seinen Schülern beibringen, Freude am ganz eigenen individuellen Klang zu finden und nicht die Kopie eines anderen werden zu wollen.

Kriterien für die Stimmfächer

Kriterien und Anleitungen, wie die richtige Stimmgattung bzw. das richtige Fach zu bestimmen sind, finden sich zuhauf in der Literatur. Der Bariton David Jones gibt auf seiner Homepage dazu wertvolle Hinweise (4), der nach der schwedisch-italienischen Schule ausbildet wurde, nachdem er während seiner eigenen Karriere die Folgen falscher Stimmtypisierung zu spüren bekommen hatte. Erst unter Anleitung seines neuen Lehrers fand er seinen Stimmklang wieder. Er gibt sehr praktikable Hinweise, wie man Stimmfächer spezifizieren kann, ohne sich nur allein auf den Ambitus verlassen zu müssen. Bei Männerstimmen kommt es vor allem darauf an, ob sich die Stimmfarbe mit zunehmender Tiefe hin zu einem dunklen Timbre verändert und auf das Baritonfach hinweist oder einen hellen kopfigen Klang beibehält und eher für einen Tenor spricht. Freilich gibt es auch hier genug Beispiele für Übergänge und Mischtypen. Jonas Kaufmann etwa ist ein Tenor, verfügt über eine Farbpalette in seiner Stimme, die ihn ebenfalls zu beiden Fächern befähigte.
Doch auch, wenn der Lehrer sich solchen „Stimmmischlingen“ gegenüber sieht, verfügt er über ein ganz sicheres Mittel zur Entscheidung, ob er sie eher in einem höheren oder tieferen Fach singen lassen soll: Wenn nämlich sein Schüler sonst jede Anweisung des Lehrers bezgl. Technik und Haltung zügig umsetzt, gewissenhaft übt, um seine Technik zu verinnerlichen, besonders auch mit Fokus auf die mezza voce, und trotzdem oberhalb eines bestimmten Tons Mühe hat, diesen noch richtig zu stützen, so gehört er oder sie mit Sicherheit ins tiefere Fach. Bei Männern ist dies der Bereich oberhalb von g/gis‘, bei Frauen entsprechend eine Oktave höher. Auch wenn die Töne darüber noch erzeugt werden können, so muss der Lehrer immer genau hören, ob sie wirklich sangbar sind.
Der Lehrer sollte auf jeden Fall alles tun, damit sich sein Schüler mit seiner eigenen Stimme auch wohlfühlt und sie als Teil seiner Identität annimmt. Das versteht sich eigentlich von selbst. Die Einordnung in ein bestimmtes Fach steht dabei stets im Dienste dieses Prozesses und ist nicht sein Ziel.
(4) Vgl. seinen Artikel „Lower Voice or higher, critical ideas and answers on determining vocal fach“: >hier klicken<

 
PeterWichert
Der Autor: Peter C. Wichert, M. A., hat Geschichte und Romanistik in Duisburg und Münster studiert. Er wirkte in verschiedenen Chören mit, bevor er eine Gesangsausbildung begann. Seitdem tritt er auch solistisch auf. Sein besonderes Interesse gilt dem Liedfach und dem Madrigal.
 


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